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Beschreibung, Sprache und inklusives Schreiben (K. Tempest Bradford)

Beschreibung, Sprache und inklusives Schreiben (K. Tempest Bradford)

Tempests Workshop war der, auf den ich mich am meisten gefreut habe – inklusiv zu schreiben ist mir sehr wichtig, ist aber gleichzeitig ein Minenfeld, bei dem man schnell in Fettnäpfchen treten kann, wenn man Minderheiten beschreibt, zu denen man selbst nicht gehört.

Deswegen hat mir ihr Vortrag auch sehr geholfen – ich hoffe, dass ich ihn einigermaßen vollständig aus meinen Notizen rekonstruieren kann, kann damit aber nur eine kurze Übersicht des komplexen Themas liefern. Wer sich mehr informieren will, dem möchte ich die Webseite Writing the Other ans Herz legen – neben Workshops gibt es auch eine Übersichtsseite mit Ressourcen zu dem Thema.

Das “andere” beschreiben

Sprache und Beschreibung wird oft zu einem Problem, wenn man versucht inklusiv zu schreiben – um nichts Falsches zu schreiben, beschreibt man oft zu wenig, sodass es beim Leser nicht ankommt, dass eine Figur eine bestimmte Hautfarbe hat oder einer ethnischen Gruppe angehört. Dabei ist es nicht nur okay, sondern sogar wichtig, die Dinge deutlich zu machen, die vom dominanten Paradigma (in unserem Kulturkreis: der weiße, heterosexuelle cis Mann aus der Mittelschicht) abweichen.

Wenn es dem Leser nämlich nicht unmissverständlich klar gemacht wird, nimmt er an, es mit der “Norm” zu tun zu haben. Man denke nur an das Entsetzen mancher, als Rue in “Hunger Games” von einer schwarzen Schauspielerin dargestellt wurde – steht auch so im Buch, aber nicht deutlich genug, sodass viele es überlesen haben.

Worauf sollte man also achten?

  • Beschreibe alle gleichermaßen. Sag nicht nur bei der Afro-Amerikanerin, dass sie schwarz ist, oder bei dem Latino, dass er einen dunkleren Hautton hat, sondern erwähne auch die Hautfarbe der weißen Figuren. Denn dann wird nicht mehr der Eindruck erweckt, dass weiße Hautfarbe die Norm ist und entsprechend nicht extra erwähnt werden muss. Es ist dabei auch okay, wenn die POV-Figuren falsche Annahmen tätigen oder sich unsicher sind, welcher ethnischen Gruppe jemand angehört, dem sie das erste Mal begegnen. Das kann zur Charakterisierung einer Figur dienen.
  • Wähle auf der Suche nach den richtigen Worten nicht die naheliegendsten. Gerade vergleiche mit Lebensmitteln sind sehr kritisch zu betrachten. Sie reduzieren einen Menschen auf eine Verbrauchsware und häufig, zum Beispiel bei Schokolade, Kaffee oder Mandeln, schwingt Kolonialismus und Exotismus noch mit. Lebensmittel-Metaphern laden dazu ein, andere zu konsumieren – wenn schon, dann sollte man alle gleichermaßen essen ;P Nebenbei: Mandelaugen sind nicht nur ein problematisches und zu häufig verwendetes Klischee, Ostasiaten haben zudem keine mandelförmigen Augen, im Unterschied zu z.B. Angelina Jolie. Generell sollte man immer vorsichtig sein, wenn man hier auf Klischees oder geläufige Redewendungen zurückgreift.
  • Achte auch auf deine POV-Figur! Die Art, wie sie andere Figuren beschreibt hängt auch immer damit zusammen, wie sie sich selbst sieht. Denke dabei an folgende Fragen: Denkt deine POV-Figur, dass ihr Aussehen der Norm entspricht? Warum denkt sie so? Wie würde sie sich selbst beschreiben? Was denkt sie über und wie beschreibt sie das Aussehen anderen Figuren? Erinnern die anderen Figuren sie an jemanden? Was bemerkt deine Figur und was bemerkt sie nicht?
  • Wichtig: Beschränke dich bei den Beschreibungen aber nicht nur auf die Hautfarbe. Gehe auf ihr gesamtes Erscheinen hin und streue Hinweise auf ihre ethnische Zugehörigkeit ein. Schließe auch ihre Umgebung, ihre Kleidung und – soweit es von der Perspektive her möglich ist – ihr Innenleben mit ein.
  • Wichtig ist in dem Zusammenhang auch, dass das Aussehen täuschen kann und nicht zwingenden die ethnische Zugehörigkeit ausdrückt. (Stichwort: Passing, als weiß “durchgehen”) Das Aussehen muss also nicht die Identität und den kulturellen Hintergrund widerspiegeln. Ähnlich sieht es mit unsichtbaren Behinderungen aus.
  • Wenn man Figuren mit Behinderungen beschreibt, muss man ebenfalls darauf achten, ob man “identity first” oder “person first” Sprache verwendet. Also: “der Mann mit Autismus” oder “der autistische Mann”. Man sollte hier die Frage stellen, was die betreffenden Figur bevorzugt und warum. Dazu sollte man sich mit den entsprechenden Communities beschäftigen und herausfinden, wie wirklich Betroffene damit umgehen. Das gleiche gilt für das Zurückerobern von Slurs.
  • Slurs an sich sind problematisch. Nur weil beispielsweise schwarze Rapper das N-Wort benutzen, heißt das nicht, dass es für einen weißen Autoren okay wäre, das Wort ebenfalls zu verwenden. Manche Wörter sollte jemand außerhalb der der entsprechenden Gruppe einfach nie benutzen. Besonders, wenn man die Nuancen des Begriffs nicht versteht. Kompliziert wird es, wenn man voreingenommene Figuren oder Figuren mit ungeprüften Vorurteilen hat – hier muss man sehr sensibel vorgehen. In historischen Kontexten kann man auch auf Wörter zurückgreifen, die heute außer Mode sind.

Üben, üben, üben

Auf all die Dinge zu achten und sie elegant in den Text einfließen zu lassen, erfordert Übung. Es ist hilfreich, bewusst das Beschreiben von Identitätsmarkern zu üben (Eine Quelle für Bilder könnte da Humans of New York sein, die wir auch für Übungen während des Workshops benutzt haben. Das Bild hier hatte ich :) ).

Man sollte dabei auch keine so große Angst vor Exposition haben. Viel zu viele Autoren machen sich zu viele Gedanken darüber, wie sie Exposition vermeiden können, dabei wäre wichtiger zu lernen, wie man sie gut schreibt ;-).

Man sollte darauf achten, Dinge zu detailliert zu beschreiben, weil zu viele Informationen das Gehirn überfordern. Um eine unmittelbare und lebendige Szene zu schreiben, sollte man sie sich so detailliert wie möglich visualisieren, aber nur das beschreiben, was für die POV-Figur heraussticht.

Man kann auch eine sehr detaillierte Beschreibung einer Figur anfertigen und dann über mehrere Szenen aufteilen, damit man den Leser nicht gleich mit drei Seiten Beschreibung erschlägt.

Was ebenfalls wichtig ist: Die Beschreibung ist nicht das einzige Werkzeug, dass du benutzen kannst, um die Identität einer Figur zu vermitteln. Die schlägt sich auch im Lieblingsessen und der Lieblingsmusik wider. Oder in den Aspekten der Kultur, die sie sich zu eigen machen und denen, die sie ablehnen.

 

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