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Fehlerdiagnose für den Roman – Teil 2: Die Überarbeitung (Mary Robinette Kowal)

Fehlerdiagnose für den Roman – Teil 2: Die Überarbeitung (Mary Robinette Kowal)

Im zweiten Teil zur Fehlerdiagnose geht es um Überarbeitungsprobleme. Mary Robinette geht es Thema dabei aus zwei Perspektiven an

  1. Die Reaktion des Autors auf Kritikpunkte von Testlesern
  2. Die Reaktion der Testleser auf den Text

Die Autorenreaktion

Es ist wichtig, sich die eigene Reaktion auf die Kritikpunkte anzusehen, die ein Testleser hervorbringt. Denn nur man selbst weiß, wie die perfekte Geschichte aussehen sollte. Gleich, ob man eine Kritik annimmt oder nicht, sollte man immer nach seinen eigenen Lösungen suchen, damit die Gestaltung der Geschichte immer noch die eigene bleibt. Und man sollte immer darauf achten, ob man mit der Änderung selbst zufrieden ist.

Oh, Mist!

Du verstehst, was gemeint ist, und stimmst damit überein, dass es geändert werden muss.

Bei kleineren Problemen kannst du sie gleich korrigieren. Bei weitreichenderen Problemen solltest du dir die übergreifende Struktur ansehen und jede Stelle markieren, die betroffen ist. Wenn die Änderung zu aufwändig wäre und die Möglichkeit besteht, ist Streichen oft die beste Lösung.

Ich verstehe, aber …

Der Testleser hat ein Problem erkannt – aber nicht das, was sie tatsächlich kritisieren.

Keinesfalls

Wenn man sich vom Bauchgefühl stark gegen die Kritik wehrt, sollte man zuerst einmal tief Luft holen. Oft liegt diese Art der Kritik daran, dass der Leser gerne eine ganz andere Geschichte lesen würde, als die, die man erzählen möchte.

Wenn es eine Ausnahme ist, kann man diese Kritik einfach übergeben. Wenn der Kritikpunkt sich jedoch häuft, sollte man darüber nachdenken, ob die Geschichte, die man erzählen will, auch wert ist, erzählt zu werden. Und was die Auswirkungen von dem sind, was man schreiben will. Wenn die Geschichte zum Beispiel als unterschwellig rassistisch wahrgenommen wird oder das Jugendbuch ein schädliches Frauenbild zeigt, sollte man sich das zu Herzen nehmen, selbst wenn es nur eine Person anmerkt (besonders, wenn es sich um eine betroffene Person handelt).

Wichtig: Niemals überarbeiten, während man wütend ist!

Was zur Hölle?

Der Leser hat etwas aus dem Text interpretiert, was von dir nie so beabsichtig war, und du hast keine Ahnung, wie sie darauf gekommen sind. Ohne es zu merken hast du eine ganz andere Geschichte erzählt, als von dir beabsichtigt. In dem Fall solltest du immer nachfragen, ob sie die Stellen identifizieren können, die bei ihnen zu diesem Eindruck geführt haben, damit du sie anpassen kannst.

Die Leserreaktion

Mary Robinette nennt vier generelle Leserreaktionen:

  • Begeisterung
  • Langeweile
  • Verwirrung
  • Unglaube

Begeisterung

Wenn der Leser begeistert ist, sollte man die Stelle genau so lassen, wie sie ist. Außer die Begeisterung rührt von etwas, was nicht zur Gestaltung der Geschichte passt. Wenn der Leser z.B. von der Hintergrundgeschichte einer Figur begeistert und mehr von ihr erfahren will, diese Figur im Laufe der Geschichte jedoch keine große Rolle mehr spielt. (Das ist dann ein Fall von “Kill Your Darlings”)

Langeweile

Wenn sich der Leser langweilt, ist häufig das Pacing das Problem.
Dafür gibt es zwei Lösungswege: Man kann den Text straffen oder die Dringlichkeit erhöhen.

Den Text straffen

Beliebt ist die 10 % Lösung, mit anderen Worten: 10 % des Textes müssen gestrichen werden. Aber das ist natürlich kein Allheilmittel. Deswegen stellt Mary Robinette noch zwei weitere Ansätze vor:

  1. Markiere bei Infodumps die Stellen, ohne die die Geschichte zusammenbricht. Dann lasse nur noch je einen Satz pro Konzept und einen Satz für die Atmosphäre stehen. Das sollte man allerdings nur sehr sparsam anwenden, das es sehr viel vom Charakter der Geschichte einspart.
  2. Es ist eine bekannte Regel, dass Dreierkonstellationen in Geschichten eine besondere Kraft entwickeln. Das ist zum Beispiel auch bei den Try-Fail-Zyklen häufig so: der Held versagt bei den ersten zwei Versuchen und es gelingt ihm beim Dritten. Braucht er mehr Versuche, besteht die Gefahr, dass es sich zu sehr hinzieht und der Leser sich langweilt.
    Andererseits kann es aber auch schnell zu vorhersehbar und dadurch ebenso langweilig werden, sodass man auch variieren sollte. Wenn man zeigen will, dass es sehr hart ist, kann der Held sein Ziel erst beim vierten oder fünften Versuch erreichen, aber man sollte sehr darauf achten, dass es sich nicht zieht (und wenn der Testleser dann kritisiert, dass diese Szene langweilig ist, dann weiß man auch warum). Alternativ kann man den Held schon beim zweiten Mal »gewinnen« lassen, aber diesen Sieg mit furchtbaren Konsequenzen belasten.

Die Dringlichkeit erhöhen

Wenn man nichts wegkürzen kann, muss man dafür sorgen, dass der Leser sich dafür interessiert.
Das erreicht man am einfachsten, indem man zeigt, dass es für die Figuren wichtig ist.
Eine Möglichkeit ist, mittels erlebter Rede oder innerem Monolog direkt in der Narration auszudrücken, warum es wichtig ist.
Eine weitere Möglichkeit ist, über kleine Gesten und körperliche Reaktion zu zeigen, wie sehr die Hauptfigur von der Handlung mitgenommen wird. Bis zu einem gewissen Grad tendieren Leser dazu, dass Verhalten der Figuren unbewusst zu spiegeln (was sich auch darin zeigt, wie intensiv man mit den Figuren mitfühlen kann). Allein zu lesen, dass eine Figur Herzrasen bekommt, kann dazu führen, dass der eigene Puls sich leicht beschleunigt.

Wobei man es mit der Körpersprache auch nicht übertreiben sollte, da es schnell aufgesetzt wirkt. Statt Allgemeinplätze zu verwenden (wie das allseits beliebte Seufzen), sollte man auch möglichst spezifisch werden.

Verwirrung

Verwirrung tritt meistens auf, wenn Informationen in der “falschen” Reihenfolge vermittelt werden.

Hier muss man auch überlegen, welchen Effekt auf den Leser man erreichen will – manchmal kann kurzzeitige Verwirrung auch gewollt sein. In dem Fall sollte die Aufklärung aber nicht zu lange auf sich warten lassen.

Die Frage, die sich da auch stellt: Wie viel Verwirrung ist akzeptabel? Wenn man viele Fragen aufwerfen will, die erst zum Ende beantwortet werden, sollte man vorher beim Leser Vertrauen aufbauen. Zum Beispiel indem man zu Beginn viele kleinere Fragen aufwirft und sofort beantwortet. Es hilft auch, wenn man zeigt, dass die Perspektivfigut ebenfalls verwirrt ist – das zeigt dem Leser zudem, dass die Verwirrung vom Autor beabsichtigt ist.

Manchmal hat der Leser die wichtigen Informationen, die zum Verständnis der Szene beigetragen hätten, auch schon wieder vergessen. Um das zu vermeiden, kann man die Informationen an prominenterer Stelle einbauen, indem man auf die Absatzsetzung achtet: Die erste und letzte Information in einem Absatz merkt man sich besonders gut, deswegen sollten Kerninformationen am Anfang eines Absatz, direkt am Ende oder sogar in einer eigenen Zeile stehen. Manchmal muss man eine Information auch mehrmals geben, damit sie haften bleibt.

Schlussendlich muss man hier aber auch an seinen idealen Leser denken und den als Richtschnur nehmen, wie viel man erklärt. Denn zu viele Erklärungen können auch zu Langeweile führen.

Unglaube

Unglaube tritt auf, wenn in der Geschichte etwas passiert, das gegen Verständnis des Lesers von der Welt verstößt. Dabei gibt es generell zwei Möglichkeiten:

  • “Das geht so nicht!”
  • “Die Figur würde so nicht handeln!”

Im ersten Fall gibt es wiederum zwei Möglichkeiten:

  • Der Leser hat recht und du musst eine neue Lösung finden
  • Du hast einen guten Grund (und eine gute Erklärung), warum etwas in deiner Welt anders funktioniert, als anzunehmen wäre. Oder der Leser hat schlicht unrecht. Dann solltest du die Lösungsstrategien anwenden, die unter “Verwirrung” aufgeführt sind.

Wenn man nicht sicher ist, wie man erklären soll, wie eine Figur ein Problem lösen konnte (z.B. in Science Fiction schwierige mathematische Formeln, die noch niemand aufgestellt und/oder gelöst hat), kann man in einer früheren Szene mit einem einfacheren Problem zeigen, dass die Figur, auf dem Gebiet kompetent ist. Dann nimmt man es ihr später eher ab, wenn sie das Problem ohne viel Erklärung löst.

Der zweite Fall ist kniffliger. Wenn der Leser einer Figur sein Verhalten nicht abnimmt, liegt es meist daran, dass vorher nicht ausreichend gezeigt wurde, wie und warum sich die Motivation der Figur verändert hat.

Hier kann man wieder erlebte Rede einsetzen und durch gezielte Absatzsetzung die Veränderungen betonen. Ebenfalls kann man mit dem Fokus arbeiten.

  • Was steht bei der Figur gedanklich im Vordergrund?
  • Was bemerkt die Figur?
  • In welcher Reihenfolge bemerkt sie Dinge? (Das, was als letztes aufgeführt wird, ist dabei das wichtigste!)

Während der Fokus auf die Gedanken bezogen ist, nennt Mary Robinette noch die Technik von “Atmung & Rhythmus”, die sie aus Handpuppenspiel entlehnt hat, und die sich auf die Gefühlsebene bezieht. Die Frage hier lautete: Wie lange verweilt eine Figur bei etwas? Darin zeigt sich, wie wichtig etwas ist. Bei den Veränderungen sollte sie entsprechend lange verweilen. Lange Sätze können dabei helfen, Geschwindigkeit herauszunehmen, während kurze Sätze einem schnellen, gehetztem Atem gleichkommt.

 

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