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Figuren entwickeln (Brandon Sanderson)

Figuren entwickeln (Brandon Sanderson)

Nach und nach will ich alle Workshops des Writing Excuses Workshop & Retreat 2018 aufarbeiten. Den Anfang macht “Developing Characters”, unterrichtet von Brandon Sanderson.

Während er den Plot sehr genau ausarbeitet, entwickeln sich die Figuren bei Brandon erst wirklich beim Schreiben. Deswegen hat er ein Diagnose-System entwickelt, mit dem er überprüft, ob die Figuren rund sind und sich im Laufe der Geschichte entwickeln: Das APE-System

Das APE-System

Das APE-System setzt sich aus den folgenden Komponenten zusammen (die sich natürlich nicht so übersetzen lassen, dass sie immer noch da Akronym ergeben …)

A – Aptitude, Approachability, Activity (= Anlagen/Talente, Zugänglichkeit, Handlungswille)

P – Promise, Progress, Payoff (= Versprechen, Fortschritt, Ergebnis)

E – Emotion, Energy, Effect (Gefühl, Beteiligung, Auswirkung) 

A

Das A des APE-Systems bezieht sich auf das erste Kapitel und wie die Figuren dort dargestellt werden.

  1. Anlagen/Talente: Worin ist die Figur gut? Worin ist sie schlecht? Wie kompetent ist die Figur als Ganzes gesehen? Hierbei ist zu beachten, dass Fähigkeiten in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich zum Tragen kommen können. Und viele Spezialfähigkeiten ausgezeichnet zu beherrschen, macht eine Figur im Ganzen noch nicht zu einer Figur ohne Schwächen.
  2. Zugänglichkeit: Wie gut kann man das Verhalten der Figur nachempfinden? Welche Aspekte von sich selbst kann ein Leser in der Figur entdecken? Es ist entscheidend, ob ein Leser sich am Anfang mit einer Figur verbunden fühlt oder von ihrem Verhalten abgeschreckt wird. Aber wenn die Figur kompetent und aktiv ist, können auch anfängliche Hürden überwunden werden.
  3. Handlungswille:Wie aktiv ist die Figur zu Beginn? Nimmt sie die Zügel selbst in die Hand oder ist sie eher ein Spielball? Welche Ziele verfügt sie und was ist sie bereit dafür zu tun?

Um als sympathisch und/oder interessant wahrgenommen zu werden, sollten die Werte auf einer Skala von 1 bis 100 insgesamt im oberen Bereich liegen. Gleichzeitig sollten die Figuren aber nicht überall auf 100 stehen, da es zum einen zu perfekt und damit wiederum langweilig ist und zum anderen auch keinen Entwicklungsspielraum mehr lässt.

P

Das P im APE-System ist Plotzentriert.

  1. Versprechen: Der erste Eindruck gibt hinweise darauf, wie sich die Geschichte als Ganzes entwickeln wird. Er gibt ein Versprechen, was zum Ende der Geschichte eingelöst werden muss.
    Bei einer zu Beginn unsympathischen Figur kann das Versprechen auch darin liegen, dass die Figur zu einem besseren Menschen wird. Das lässt sich zum Beispiel dadurch bewirken, dass man durch eine Rückblende im Prolog zeigt, dass die Figur einmal zugänglicher, aktiver und fähiger war.
    Fragen, die sich in dem Zusammenhang stellen:
    • Wo befindet sich die Figur?
    • Wo wird sie am Ende sein?
    • Warum folgen wir ihr auf ihrem Weg? Das Warum ergibt sich auch aus den Werten, die wir unter A festgelegt haben und wie die sich im Laufe der Geschichte verändern.
    • Was will die Figur? Und was braucht sie? Wichtig für die Entwicklung der Figur ist, dass das, was sie wollen, nicht das ist, was sie wirklich brauchen, und sie darüber in einen inneren Konflikt geraten.
  2. Fortschritt: In jedem Kapitel sollten die Figuren ihren Zielen ein Stück näher kommen und handhabbare Zwischenziele verfolgen. Hier kommen auch die As zum Tragen und wie diese sich im Laufe der Geschichte verändern.
    • Anlagen/Talente: Trainingsmontagen, Erfolge gefolgt von Fehlschlägen 
    • Zugänglichkeit: Wenn die Figuren sich wegen ihrer Schwächen und Fehlschläge quälen, verursacht das eine Veränderung in ihrem Charakter und sie müssen ihre Schwächen konfrontieren.
    • Teil des Fortschritts ist es, dass die Figur das opfert, was sie will für das, was sie braucht. Die einzelnen Schritte sollten untermauern, dass sie das, was sie wollen, nicht aufgeben wollen. Damit kann voraus gedeutet werden, dass es etwas gibt, was größer ist als das, was die Figur will. 
  3. Ergebnis: Das Ende muss dem Leser das geben, was ihm versprochen wurde, und die emotionale Reaktion hervorrufen, die am Anfang der Geschichte angelegt wurde.

E

Das E im APE-System steht für die Gründe, weswegen die Leser mit den Figuren mitfühlen und mitfiebern. Diese Komponente sorgen dafür, dass die Figuren rund sind und nicht nur dem Plot dienen.

  1. Gefühl: Die Gefühle müssen sich im Laufe der Geschichte verändern. Jede Geschichte braucht eine emotionale Through line (wieder so ein Wort, was schwierig zu übersetzen ist. Man kann es als ein Motiv oder Thema verstehen, was sich als Verbindungsglied durch die gesamte Geschichte zieht). Dabei hat jede Figur ein spezifisches Gefühl, das sie beim Leser auslösen soll. Ihre eigene emotionale Färbung quasi. Wenn sie dieser zuwider handelt, fällt sie aus der Rolle. Deswegen wirkt es falsch, wenn der bierernste Charakter plötzlich Witze reißt oder eine emotionale Figur eiskalte reagiert.
    Eine Geschichte ohne eine emotionale Nachwirkung ist bedeutungslos. 
  2. Beteiligung: Leser sollten sich an der Handlung beteiligt fühlen, mit den Figuren mitfiebern und mitfühlen, aber gleichzeitig sollten die Leser nicht dadurch ausgelaugt werden, dass Enthüllungen und unerwartete Wendungen Schlag auf Schlag folgen. Die Balance ist wichtig und man sollte darauf achten, dass Plotwendungen nicht von den zentralen emotionalen Entwicklungen und Erkenntnissen ablenken.
  3. Auswirkung: Eine Figur darf nicht im luftleeren Raum stehen. Sie muss Auswirkungen auf die Entwicklung der Handlung und auf die anderen Figuren haben. Sie muss ihre eigene Rolle im größeren Netzwerk der Figuren spielen.

Weitere Tipps von Brandon Sanderson

Nachdem Brandon das APE-System vorgestellt hatte, blieb noch Raum für Fragen

Wie schreibt man “kaputte” Figuren?

Zunächst: Figuren als “kaputt” zu bezeichnen, hat viele negative Implikationen, besonders wenn es benutzt wird, um Figuren mit psychischen Erkrankungen zu beschreiben. Man sollte sehr gut recherchieren, feinfühlig mit dem Thema umgehen und sich kundige Testleser suchen.

Psychische Erkrankungen wir Depressionen sorgen häufig dafür, dass Figuren sehr inaktiv und für den Leser nicht sehr zugänglich sind. Das kann für den Leser sehr schwierig zu lesen sein. Eine Lösung, die Brandon angewandt hat: Der Druck von außen muss so hoch sein, dass die Figur sehr früh dazu gezwungen ist, proaktiv zu werden.

Wie geht man in Serien mit Charakterentwicklung um?

Die Charakterentwicklung im ersten Band der Serie sollte für den Leser befriedigend sein, da keine Garantie besteht, dass mehr Bände der Serie erscheinen werden. Es sollte eine komplette Entwicklung sein, die sich jedoch nur auf ein Problem bezieht, sodass es weiteres Potential für die Folgebände gibt.

In den Folgebänden kann man dann Fragen offen lassen oder in jedem Band nur einen Schritt der größeren Charakterentwicklung zeigen.

Alternativ kann in jedem Buch eine andere Figur in den Vordergrund treten und ihre Charakterentwicklung durchlaufen.

Wie behält man die Übersicht über die Charakterentwicklung?

Je nach Arbeitsweise kann man im Vorfeld eine separate Outline anlegen, an der man sich abarbeitet, oder im Nachgang im ersten Entwurf überprüfen, wie sich die Figuren entwickelt haben und ob die Entwicklung funktioniert. Dann legt man ein Überarbeitungsdokument an, in dem man quasi eine Outline dessen anlegt, was man tatsächlich geschrieben hat und die dann mit Überarbeitungshinweisen versieht.

Wie verhindert man, dass eine Figur als “out of character” wahrgenommen wird, wenn sie sich in unterschiedlichen Situationen sehr unterschiedlich verhält?

Figuren erfüllen verschiedene unterschiedliche soziale Rollen, in denen sie sich unterschiedlich Verhalten können – gegenüber seinen Eltern tritt man anders auf, als gegenüber seines Chefs oder seinen besten Freunden. Zudem gibt es einen Unterschied, ob eine Figur sich in einer Situation so fühlt, als hätte sie Kontrolle darüber oder nicht. Im Roman kann es jedoch schnell wie ein Fehler des Autors wirken, wenn eine Figur, die in der einen Situation selbstbewusst auftritt, in der nächsten nervös und schüchtern in Erscheinung tritt.

Brandon zeigt drei Wege, mit denen man zeigen kann, dass man als Autor bewusst gehandelt und keinen Fehler begangen hat.

  1. Szenen, in denen die Figur die Kontrolle hat, und Szenen, in denen sie keine Kontrolle hat, werden im direkten Kontrast zueinander gezeigt.
  2. Freunde der Figuren reagieren darauf, dass sie sich “untypisch” verhält, wodurch Aufmerksamkeit darauf gelenkt wird und deutlich wird, dass es ander der veränderten Situation liegt.
  3. Die Figur verweist selbst darauf. Zum Beispiel in dem sie sich fragt, warum sie in anderen Situationen nicht so souverän auftreten kann. besonders effektiv ist das, wenn sie es dann versucht und scheitert.

Sollte man Figuren schreiben, die einen starken inneren Konflikt haben?

Figuren mit starken inneren Konflikten sind in der Regel gut für die Geschichte. Im Versprechen am Anfang sollte man den Konflikt bereits aufzeigen und auch eine Richtung andeuten, in die es sich entwickeln kann. 

Wie entscheidet man überhaupt, welche Figuren in einer Geschichte vorkommen?

Für die Figuren der Geschichte sollten die Konflikte, die durch den Plot aufgeworfen werden, sehr persönlich sein, damit sich eine schlüssige Motivation ergibt.

Sie sollten ein Teil der Gesellschaft sein, in der die Geschichte spielt und diese widerspiegeln können.

Und, was am wichtigsten ist: Man sollte sie wirklich gerne schreiben wollen!

 

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