[WXR17] Tag 3: Weltenbau bis ins kleinste Detail

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Am dritten Tag hielten wir im Hafen von Kopenhagen. Über den Landausflug habe ich euch letzten Mittwoch bereits ein bisschen erzählt, da ich mit den Tagen irgendwie durcheinander geraten war (Es war etwas ungünstig, den Tag in Kiel bereits mitzuzählen *hust*)

Es gab zwei Workshops. Der erste war „What exactly is an agent for?“ – da ich momentan mit dem Selfpublishing sehr zufrieden bin und mich nicht auf Agentursuche begeben will, bin ich nachmittags lieber schwimmen gegangen, statt mir den Vortrag anzuhören.

Der zweite Workshop, den ich sehr spannend fand, war „Worldbuilding in the smallest details“ mit Aliette de Bodard.

Worldbuilding in the smallest details

Der Weltenbau ist gerade in der Fantasy und Science Fiction, in der man sich seine eigene Welt erschafft, sehr bedeutsam und kann einen großen Teil der Arbeit an einer Geschichte ausmachen. Wichtig ist dabei, dass man sich nicht nur Gedanken über die großen Bausteine (Politik, Religion, Geschichte etc.) macht, sondern sich auch darüber, durch welchen Details sich das im alltäglichen Leben zeigt.

Aliette hat hier vier Ebenen des Weltenbaus vorgestellt:

  1. Das Alltägliche Leben: Rituale, Verhaltenskonventionen
  2. Größere Übergangsriten (Geburt, Hochzeit, Übergang in die Volljährigkeit …)
  3. Glaubenssysteme, moralische Werte, Leben und Tod
  4. Politik, Religion, Geschichte …

Von unten nach oben durchwirken die Ebenen sich. Geschichte, Politik und Religion bestimmen, welche Glaubenssysteme es gibt und was als moralisch angesehen wird. Das wiederum bestimmt, wie man Geburten oder Hochzeiten feiert. Und alles zusammengenommen spiegelt sich in Ritualen und Verhaltenskonventionen im Alltag.

Einige Beispiele für Details, die eine Geschichte lebendiger machen, wären:

  • Wie sehen Gebäude und Straßen aus?
  • Was und wie wird gegessen?
  • Wie richtet man seine Wohnung ein?
  • Welche Kleidung wird getragen?
  • Welche Arbeitseinstellung haben die Menschen?
  • Wie verständigen sich die Menschen untereinander? (Körpersprache, lingua franca)
  • Wie zeigen sich unterschiedliche Ebenen der Höflichkeit?
  • Welche Ausdrücke, Sprichwörter und Symbole gibt es und woraus haben sie sich entwickelt?
  • Welche Feste werden gefeiert?

Das sind viele Fragen – ein Weg, um Antworten zu finden, liegt in der Recherche. Zum einen hilft Recherche dabei, Inspiration zu finden, zum anderen dabei, die Welt realistischer zu gestalten. Geschichte und Mythologie sind dabei gute Ausgangspunkte. Dabei sollte man gerade bei fremden Kulturen darauf achten, dass man sich nicht auf das verlässt, was man zu wissen glaubt, sondern die Aspekte, die man übernehmen will, fundiert recherchiert. Sonst läuft man Gefahr, schädliche Klischees zu wiederholen und zu verfestigen – Figuren, die fremde Kulturen repräsentieren, sollten nie Karikaturen sein!

Da man schnell in der Recherche untergehen kann, sollte man allerdings aufhören, sobald der Plot funktioniert und dann nachrecherchieren, sollten sich noch offene Fragen beim Schreiben ergeben.

Das richtige Maß finden

Eine Tücke des Weltenbaus liegt darin, dass man all die Dinge, die man selbst recherchiert hat, gerne auch einbauen würde – aber schnell erschlägt man die Leser mit zu vielen Erläuterungen. Man muss darauf achten, welcher Umfang an Welt für die Geschichte geeignet ist und wie die Lesererwartungen aussehen. Die zentrale Frage ist: Worauf liegt der Fokus der Handlung? Auf dem Plot, der Welt oder den Figuren? Man kann dabei nicht alles im Fokus behalten, sondern sollte sich auf einen Haupt- und eine Nebenfokus festlegen, damit man die Geschichte nicht überfrachtet.

Bei Thrillern zum Beispiel liegt der Hauptfokus auf dem rasanten Plot, der Nebenfokus auf den Figuren – Weltenbau ist meist nebensächlich. Bei Romanzen liegt der Fokus auf den Beziehungen der Figuren. Bei einem Fantasy- oder Science Fiction Roman kann man dagegen mehr über die Welt schreiben, da die Leser hier erwarten, in eine neue Welt entführt zu werden, selbst wenn man den Hauptfokus auf den Plot oder die Figuren legt.

Sofern der Fokus nicht auf der Welt liegt, sollte man also darauf achten, dass Beschreibungen nicht überhandnehmen. Dabei kann es helfen, wenn man alle Abschnitte mit Beschreibungen markiert, damit man auf den ersten Blick sieht, wie viel Raum sie tatsächlich einnehmen. Und dann stellt man sich die Frage, was davon man wirklich für die Handlung braucht und streicht das meiste, was man nicht braucht. Aber nicht alles, da es sonst schnell gekünstelt wirkt.

Wie gestalte ich Beschreibungen?

Nachdem man es darauf herunter gebrochen hat, was man braucht, bleibt die Frage, wie man diese Informationen übermittelt. Hier ist es wichtig, nicht nur zu beschreiben, was eine Figur sieht und hört, sondern alle Sinne mit einzubeziehen – insbesondere Geruch und Geschmack sind stark mit Erinnerungen verbunden und ermöglichen dadurch atmosphärischere Beschreibungen.

Neben den fünf Sinnen kann man mit der Geisteshaltung der Figuren arbeiten, die ja ebenfalls durch die Kultur geprägt ist. Wie denken sie und warum?

Sparsam eingesetzte Metaphern, Vergleiche und Redewendungen können Beschreibungen auch lebendiger gestalten.

Der Umgang mit Leerstellen

Wenn man Konzepte einführt und sie nicht sofort erklärt, entstehen Leerstellen im Kopf des Lesers. Das kann man sparsam eingesetzt machen, aber bei zu vielen unerklärten Konzepten kann der Leser den Anschluss verlieren. Daher ist es meist besser, zumindest eine kurze Erklärung anzufügen, anstatt den Leser zu lange im Dunkeln tappen zu lassen.

Ein Beispiel hier, das Aliette nannte, sind die Jedi-Ritter – dadurch, dass sie als Jedi-Ritter vorgestellt werden, kann sich der Leser bereits etwas darunter vorstellen und macht sich ein Bild von ihnen, bevor man längere Erklärungen dazu bekommt, was genau sie sind.

Sollte die Bezeichnung jedoch weniger intuitiv sein oder einen größeren Deutungshorizont haben, muss man sie etwas umfassender erklären, damit sich kein falsches Bild im Kopf des Lesers verfestigt. 

Diesem Problem begegnet man besonders, wenn man Welten beschreibt, die sich sehr von unserer Welt unterscheiden. Solange etwas nicht explizit beschrieben wird, geht der Leser davon aus, dass es so ist, wie er es kennt bzw. wie es in der Kultur dominierend dargestellt wird. Also, dass z.B. Figuren als weiß, cis und heterosexuell interpretiert werden, solange man nicht explizit dazu schreibt, dass sie das nicht sind. Wobei es sich aber nicht nur auf Figuren beschränkt, sondern auf all die Details, die oben genannt wurden. Je unterschiedlicher sie von dem sind, was man als Leser erwartet, umso umfangreicher müssen die Beschreibungen und Erklärungen ausfallen. Man sollte auch nicht davor zurückschrecken, solche kleinen Details häufiger zu wiederholen, damit sie nicht überlesen werden und der Leser doch auf seine „Standard“-Vorstellungen zurückfällt.

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